Wieso denken wir eigentlich so oft im „Entweder-Oder“?
Entweder Karriere oder Reisen.
Entweder leben oder arbeiten.
Entweder Sicherheit oder Abenteuer.
Warum nicht ein „Und“?
Es gibt gerade heutzutage so viele tolle Möglichkeiten Job, Karriere und Privatleben ganz wunderbar zu vereinen. Und ich verrate dir ein Geheimnis: wenn du entspannt und zufrieden bist mit deinem Leben, läuft es auch im Job viel besser. Und wenn der Job gut läuft und dir Spaß macht, bist du entspannter und zufriedener. Ein wahrer Teufelskreis also – im positivsten Sinne!
Es ist heute allerdings zwar oft in der Theorie möglich ein Sabbatical zu machen, aber viele tun es trotzdem nicht. Warum? Ich habe versucht ein paar Kernzweifel laut auszusprechen – vielleicht sind ja ein paar Antworten für dich dabei!

Am Ende läuft es immer darauf hinaus: was willst du im Leben?
1. Frage: Geht das finanziell?
Es gibt für mich 2 wichtige Aspekte zu der Frage, ob du dir ein Sabbatical finanziell leisten kannst – beziehungsweise willst.
#1 Leisten können
Der erste Aspekt ist eine Frage der Relation und der Betrachtung. Unser Gehirn hat nämlich ein sogenanntes „annoying feature“, eine unliebsame Vorprogrammierung, nämlich, dass es sich ständig vergleicht und zwar oft mit vollkommen abstrusen Referenzpunkten. Und auch wenn man weiß, dass es so ist, glaubt man es manchmal trotzdem nicht. Zeichne doch einfach mal zwei gleich große Kreise auf ein Blatt Papier. Wenn du sie betrachtest, dann sind sie gleich groß, richtig? Jetzt zeichne um den einen Kreis mehrere viel größere Kreise außen herum und um den anderen jeweils viel kleinere Kreise. Auf einmal sieht der eine so viel kleiner aus als der andere, richtig? Wir wissen zwar, dass es nicht so ist, aber trotzdem scheint es so und es fällt uns so leicht es auch zu glauben. Und zwar, dass der eine Kreis wirklich wesentlich kleiner ist als der andere. Zugegeben, es war schon ein wenig erschreckend, als der erste Gehaltszettel mit dem reduzierten Gehalt kam. Einfach weil unser Gehirn darauf trainiert ist, sich auf den Mangel zu fokussieren. Das zu sehen, was nicht (mehr) da ist. Ja, es ist weniger Geld auf dem Konto. Aber dann ist mir aufgegangen, dass ich die Sache falsch betrachte. Anstatt mir auszurechnen wie viel weniger ich haben würde, habe ich ausgerechnet wie viel Geld ich eigentlich zum Leben brauche. Ich habe mir also einen anderen Referenzpunkt geschaffen. Und habe dann festgestellt, dass es genug ist. Mache dir einfach mal Gedanken darüber wie viel du wirklich zum Leben brauchst – ganz ohne Vergleiche oder nicht nützliche Referenzpunkte. Erstelle eine Liste mit unvermeidbaren Ausgaben, deinen Fixkosten (zum Beispiel Miete oder Versicherungen) und deinen variablen Kosten. Diese kannst du vielleicht auch aufteilen in Basiskosten (zum Beispiel für Lebensmittel) und Luxuskosten (zum Beispiel Essengehen). Wie viel brauchst du wirklich (ohne Luxus)? Verdienst du immer noch genug um dir das leisten zu können was du wirklich brauchst?
#2 Leisten wollen
Was ist denn nun aber genug? Hier kommt der zweite Aspekt ins Spiel. Die Frage ist nämlich im Grunde simpel: was willst du wirklich und was bist du bereit zu opfern? Ich sage nicht, dass die Antwort einfach ist. Aber darauf läuft es hinaus. Was ist dir wichtig und worauf kannst und willst du verzichten? Mein erster Schritt war, Buch über meine Ausgaben zu führen um zu analysieren wo mein Geld eigentlich hinfließt. Im nächsten Schritt habe ich mir angeschaut, wo ich meine Ausgaben reduzieren konnte und wollte. Es gibt natürlich einige Posten, die man nicht reduzieren kann: Miete oder Hypotheken, Versicherungen und Lebensmittel zum Beispiel. Aber bei manchen Dingen kannst du dir überlegen ob du Alternativen suchst (wie etwa mit der Bahn statt mit dem Auto zu fahren oder zusammen mit Freunden selbst zu kochen anstatt Essen zu gehen) oder ob du auf Manches komplett verzichtest. Worauf ich zum Beispiel verzichtet habe, ist neue Kleidung. Es gab ein selbst auferlegtes Shopping-Verbot. Als ich mit meiner Schwester im Urlaub war und mit ihr in einem Geschäft war und dann doch kurz versucht war ein Kleid zu kaufen, fragte sie mich: was ist dir wichtiger? Das Kleid zu kaufen oder ein schönes Erlebnis auf deiner Reise zu haben? Als mir die Frage so gestellt wurde, war die Antwort war für mich sehr einfach.
Unterm Strich ist alles ein Tauschhandel mit Geld, Zeit und Energie. Du investierst Zeit in deinen Job um sie in Geld umzuwandeln. Das kostet dich aber zusätzlich auch Energie, die du dann nicht mehr in Erlebnisse oder andere Aktivitäten umwandeln kannst. Denn diese Ressourcen – Lebenszeit und -energie – sind endlich. Entscheide dich also bewusst, wie du damit haushalten möchtest. Was macht dich glücklich? Wo möchtest du deine Zeit und Energie reinstecken? Was möchtest du alles erleben? Am Ende des Tages summiert sich unser Leben als die Summe all unserer Erlebnisse auf. Wie soll dein „Lebenskonto“ aussehen?
2. Frage: Lasse ich die Kollegen im Stich?
Bevor ich an mich selbst denke, habe ich schon 10 Mal an alle anderen gedacht. Aber mir wurde irgendwann bewusst: die Welt kommt ganz gut ohne mich klar. Die Firma stürzt nicht in den Ruin, die Kollegen haben das auch schon gerockt bevor ich da war und ich bin ersetzbar und es läuft ganz wunderbar ohne mich (auch ‚positive Bedeutungslosigkeit‘ genannt). Trotzdem habe ich mich schuldig gefühlt. Zumal ich nach dem Sabbatical einen internen Jobwechsel machen würde, aber bereits das halbe Jahr vor meiner Reise in die neue Rolle eingetaucht bin. Und ich habe jedes Mal den neuen Kollegen kleinlaut und mit entschuldigendem Unterton erzählt, dass ich alle Themen die wir angehen wollten und Ideen die wir hatten großartig finde, sie aber zunächst vertagen muss, denn ich bin zwar gerade erst (oder eigentlich noch nicht mal richtig) da und gleich schon wieder weg. Ich habe mich furchtbar gefühlt! Aber weißt du was ganz außergewöhnlich war? Und für mich ganz überraschend und wunderschön? Jeder einzelne Kollege – sei es, dass wir uns schon lange kannten und zusammenarbeiteten, uns gerade erst kennenlernten und zukünftig zusammenarbeiten würden, viel oder wenig miteinander zu tun hatten, jung oder alt, kurz oder lang dabei – hat sich ehrlich für mich gefreut, es super gefunden, dass ich das mache und mich total in meiner Entscheidung bestärkt.
Oft haben wir Angst davor was andere denken – von uns, über uns, von unseren Entscheidungen, über unser Leben. Finden sie das gerade so richtig blöd was ich mache? Aber was, wenn wir uns irren? Was, wenn sie etwas ganz anderes denken und es sogar gut finden, dass es Menschen gibt, die vorneweggehen? Die sich trauen etwas anders zu machen und es dadurch für alle anderen auch einfacher machen mal auszubrechen? Und sich dadurch vielleicht selbst trauen den Schritt zu wagen? Lass dich doch einfach mal überraschen. Wer weiß, vielleicht inspirierst du gerade jemanden mit deiner Art dein Leben zu leben?


3. Frage: Ruiniere ich meine Karriere?
Ich hatte wahnsinnig viel Angst davor, dass eine Auszeit meiner Karriere schaden würde. Ich stand damals schließlich noch ganz am Anfang (als ich mein Sabbatical antrat war ich 5 Jahre bei der Firma – meinem ersten Job nach der Uni). Noch dazu bin ich mit einem Trainee-Programm eingestiegen und war damit als „high potential“ deklariert. Ich wurde von der Firma aktiv gefördert und war in allen Weiterentwicklungsprogrammen und Talentförderungen, Events und sogar einem Mentoringprogramm. In meinem Kopf bedeutete das, dass erwartet wurde, dass meine Priorität ganz klar die Arbeit ist und dass ich all meine Zeit und Energie darauf verwende. Die ersten Jahre meines Berufslebens habe ich all meine privaten Termine nach den beruflichen ausgerichtet und so war ich etwa 2 Jahre lang nicht beim Zahnarzt, weil ich dafür schlicht keine Zeit hatte – ich musste schließlich arbeiten! Der nächste Karriereschritt stand an und was würde es nun also bedeuten wenn ich von im Durchschnitt weit über 40 Wochenstunden und ohne jemals zu einem Arbeitsthema nein gesagt und immer 120% gegeben zu haben, auf einmal mit der Idee um die Ecke kommen würde 6 Monate Sabbatical zu machen?
Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich es mich getraut hätte, wenn mein damaliger Mentor mich nicht dazu ermutigt hätte. Und ich bin so unendlich dankbar dafür, dass ich den Schritt gewagt habe. Denn dadurch sind ganz erstaunliche Dinge passiert. Ich war jung (oder sah zumindest so aus), blond, höflich und zurückhaltend und werde gerade im beruflichen Kontext (vielleicht auch weil er sehr männerdominiert ist) auf den ersten Blick oft unterschätzt. Als ich den Kollegen aber nun sagte, dass ich ein Sabbatical machen und alleine mit dem Backpack durch Südamerika reisen werde, haben sie mich mit anderen Augen gesehen. So viel Mut hätten sie mir gar nicht zugetraut (das haben sie mir genauso gesagt). Und das Ergebnis davon war, dass die damalige Chefin meines Chefs mir einen Job direkt bei sich angeboten hat – für eine Stelle die sehr viel Potenzial hatte, und zudem komplett neu war, das heißt dass ich sie noch ausgestalten konnte, aber sie natürlich auch im Unternehmen vertreten und behaupten musste. Ich glaube, dass sie mich niemals auf dem Schirm gehabt hätte, wenn ich nicht das mutige Unterfangen „Sabbatical“ geplant hätte.
Aber – es gibt natürlich auch, wie überall, Schattenseiten. 6 Monate weg gewesen zu sein, ist natürlich ein ganz wunderbarer Grund, warum die Beförderung in die nächste Gehaltsklasse nicht stattfinden kann. Erst weil man ja bald weg sein wird und dann weil man ja gerade erst zurückgekommen ist. Das Fazit ist also zweischneidig: einerseits verschiebt es die Karriere nach hinten, andererseits eröffnet es viele neue Wege und Möglichkeiten. Und zwar oft welche, die dir gar nicht bewusst sind und die du dir niemals hättest erträumen können.
Wir sind also wieder bei der Frage angelangt: was ist dir wichtiger? Was willst du erleben?


Dieser Blogartikel ist ein Auszug aus meinem (noch unveröffentlichten) Buch: Die 6 Herzen der Wanderlust: ¡Hola, Latinoamérica!
Auf dem Weg in's Glück?
Wenn du noch mehr Geschichten und Inspiration bekommen möchtest, melde dich gerne zu meinem „Storyletter“ an!
Ich schicke dir monatlich jeweils ein Foto (auch als Download als Hintergrundbild für deinen PC oder dein Telefon) und eine Geschichte aus meinem (Reise)leben.
Einfach eintragen, eMail bestätigen und dann geht es los. Ich freue mich auf dich!
Ich habe – schmerzlich – gelernt, dass die Suche nach der perfekten Lösung „krank“ ist. Es sind immer Abwägungen. „Krank“ ist es jedoch, dass in unserer Industrie-Gesellschaft von Menschen verlangt wird, „alles“ für den Job zu geben. Und just, wie Du den Zahnarztbesuch so lange verschleppt hast, so verschleppen andere in dieser Tretmühle einfach andere private Dinge, um „perfekt“ zu sein, die Beförderung zu bekommen. Ich wünschte so sehr, dass es eine Möglichkeit gibt, für einen Job zu „brennen“, dabei aber die Unterstützung gerade in jungen Jahren zu bekommen, nicht „auszubrennen“. Denn: Das Leben besteht eben zum Glück aus mehr, als nur den jeweils nächsten Quartalsergebnissen.
Dir weiter fröhlichen Erfolg bei allen Deinen Entscheidungen. Und an alle Chefinnen und Chefs dort draußen: Überlegt Euch langfristige Ziele für Eure Organisationen. Das schützt auch vor Verbrennungen. Smart, nicht war?
Dank für deine Perspektive Enno! Ja, das ist sehr wahr – ich hätte sehr gerne gelernt wie ich im Job eine gesunde Stresskompetenz aufbauen kann. Diese Vision haben wir bei Servus Stress – Menschen im Privaten und im Job aufzeigen, wie sie smart mit Stress umgehen können!